Daniela Liebi

Presse

Heike Klovert (Spiegel.de)

Coronavirus in der Schweiz

"Es ist uns im Sommer zu gut gegangen"

Die Schweiz stand in der Pandemie lange gut da, bis im Oktober die Infektionszahlen explodierten. Manche, die davon betroffen sind, sind nun sauer: auf ihre eigenen Landsleute. Von Heike Klovert • 07.11.2020, 16.02 Uhr

Als die Psychiaterin Beryl E., 44, leichte Halsschmerzen bekam und positiv auf das Virus Sars-CoV-2 getestet wurde, schrumpfte die Welt, in der sie sich bewegen konnte, auf ein Kinderzimmer und ein Badezimmer zusammen. Ende Oktober musste sich die 44-Jährige aus dem Schweizer Örtchen La Tour-de-Peilz am Genfer See isolieren, auch von ihrer Familie. Ihr Mann und die beiden Töchter teilten sich den Rest der 100 Quadratmeter großen Wohnung. Auch sie durften zehn Tage lang nicht vor die Tür. So erzählt es Beryl E. am Telefon. "Das war ein sehr paradoxes Gefühl", sagt sie. "Ich war eigentlich fit, und trotzdem mussten wir uns alle vier einsperren lassen." Per Videochat habe sie ihrer achtjährigen Tochter erklärt, was sie in der Küche kochen könne, während ihr Mann im Wohnzimmer voll gearbeitet habe. "Ich hätte die Tür zu meinem Zimmer zulassen sollen, aber das habe ich nicht übers Herz gebracht. So konnten wir uns wenigstens zuwinken. Manchmal haben wir uns auch angebrüllt. Das waren anstrengende Tage für uns." Die Familie aus der französischen Schweiz hat das durchgemacht, was viele ihrer Landsleute gerade hinter sich haben – oder was ihnen noch bevorsteht.

Seit Anfang Oktober ist die Zahl der Menschen, die sich mit Covid-19 anstecken, regelrecht explodiert. Derzeit werden täglich rund 10.000 Neuinfektionen gemeldet – gerechnet auf die Einwohnerzahl etwa fünfmal so viele wie in Deutschland. Leitende Klinikmitarbeiter aus den Kantonen Freiburg und Schwyz haben sich in Videoappellen an die Bevölkerung gewandt, um davor zu warnen, dass sich die Situation in ihren Krankenhäusern extrem zuspitze. Wie konnte es so weit kommen? Und was bedeutet das jetzt für die, die es ausbaden müssen? Franziska Föllmi, 41, ist Direktorin des Spitals Schwyz unweit von Luzern. Seit das Video, an dem sie mitgewirkt hat, Mitte Oktober viral ging, steige die Zahl der Covid-19-Patienten, die täglich eingeliefert würden, nicht mehr so stark an, sagt sie. "Doch unser Haus ist immer noch jede Nacht voll belegt, mit einem sehr hohen Anteil von behandlungs- und betreuungsintensiven Covid-19-Patienten. Keine andere Krankheit hat in den vergangenen Jahrzehnten so viele unserer Kapazitäten gebunden." Für viele Mitarbeitende sei es belastend mitzuerleben, wie rasant sich der Zustand mancher Patientinnen und Patienten verschlechtere. Eigentlich, sagt Föllmi, hätte allen klar sein sollen, was sie hätten tun müssen, um möglichst viele dieser Schicksale zu verhindern: Abstand halten, Hände waschen, Maske tragen.

"Doch es ist uns im Sommer zu gut gegangen." Von der ersten Welle blieben weite Teile der Schweiz im Frühjahr fast gänzlich verschont. Föllmi sagt: "Kaum jemand kannte jemanden, der positiv war, und die Leute haben vergessen, wie schnell sich das Virus verbreiten kann. Als sich die Aktivitäten im September nach drinnen verlagerten, ging es dann schneller, als wir alle dachten." Nicht alle Kantone sind gleichermaßen betroffen, am höchsten ist der Anteil der Neuinfektionen in Freiburg, Genf und im Wallis. Doch auch in Zürich beispielsweise stieg deren Zahl Mitte Oktober sprunghaft an. "Unsere Nachbarn, Freunde meiner Kinder, deren Eltern, Arbeitskollegen... Ich kenne so viele Menschen, die Covid-19 haben, dass ich mich völlig umzingelt fühle", sagt die Bauberaterin Sabine S. aus Zürich. In der Schweiz traten in der zweiten Oktoberhälfte neue Hygienemaßnahmen in Kraft, die immer noch lax sind im Vergleich zu dem, was in Deutschland oder gar in Frankreich gilt: Restaurants, Cafés und Bars sind weiterhin geöffnet, aber es dürfen sich nicht mehr als vier Menschen an einen Tisch setzen. Bis zu 15 Menschen dürfen in der Regel gemeinsam Sport treiben. Veranstaltungen mit bis zu 50 Personen bleiben unter Auflagen erlaubt. Sabine S. beunruhigt das. "Ich verstehe nicht, warum der Kanton Zürich keine eigenen, strengeren Maßnahmen erlässt", sagt sie. "Wenn wir damit zu lange warten, müssen am Ende doch wieder die Schulen geschlossen werden, und das wäre für unsere Familie eine extreme Belastung." Die Maskenpflicht wurde erst im Oktober schweizweit auf Schulen, öffentlich zugängliche Innenräume, Büros und die Gastronomie ausgedehnt. Dass die Vorgaben nicht restriktiver sind, mag auch daran liegen, dass die Rechte und Pflichten jedes Einzelnen in der Schweiz traditionell viel gelten und der Staat nur ungern dort hineingrätscht. So hat es jedenfalls Rachel M. aus Iowa erlebt, die seit acht Jahren in Genf für eine internationale Organisation arbeitet. "Mein Mann ist hier geboren, und er sagt, es gehöre zur Schweizer Mentalität, dass jeder sich selbst und andere eigenverantwortlich schützen sollte." Doch das habe offensichtlich nicht geklappt – und jetzt sei auch er froh, dass die Behörden wenigstens ein paar Auflagen erlassen hätten. Rachel M. steckte sich Mitte Oktober offenbar bei einem Spiel ihrer Volleyballmannschaft mit Sars-CoV-2 an, so wie auch mindestens acht andere Spielerinnen, trotz Hygienemaßnahmen in der Halle. Ihr Geruchs- und Geschmackssinn sei inzwischen zurückgekommen, auch die Kopfschmerzen seien weg, aber die 33-Jährige sagt, sie fühle sich abends immer noch sehr erschöpft. Andere Teamkolleginnen habe es schwerer erwischt.

Daniela Liebi in ihrem Landgasthof: "Das hätte nicht sein müssen"
In einem Landgasthof in der Nähe des Thunersees im Kanton Bern bereitet sich Daniela Liebi derweil darauf vor, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab Montag in mindestens zweiwöchige Betriebsferien zu schicken. Es rechne sich schon länger nicht mehr, das Hotel und das Restaurant offen zu halten, sagt die Inhaberin. Im Sommer fehlten die Touristen aus Oman, Kuwait und Saudi-Arabien, die sonst immer so gern in den Schweizer Bergen Urlaub machten. Nun blieben auch die Tagesausflügler aus dem Umkreis aus. Liebi ist sauer, dass das Ende so abrupt kam.

"Das hätte nicht sein müssen", sagt die 51-Jährige, "wenn wir uns besser an die Hygieneregeln gehalten hätten." Sie habe sich den Sommer über viel geärgert über Tagesgäste, die sich nicht registrieren lassen wollten, und über Nachbarn, die nicht auf ihren Urlaub und andere lieb gewonnene Gewohnheiten verzichten wollten. "Ich habe eine große Aufmüpfigkeit beobachtet", sagt Liebi. "Mir scheint, es war oft Verunsicherung, die in Wut umgeschlagen ist." In der kleinen Ortschaft Schwanden, in der ihr Gasthof stehe, habe sich außerdem kaum jemand vorstellen können, dass das Virus bis dorthin komme. Doch nun ist es da: Eine Krankenpflegerin und ein Bauarbeiter, der auswärts tätig sei, hätten sich angesteckt, sagt Liebi. "Seither hat sich die Stimmung sehr gewandelt. Alle, die ich kenne, tragen konsequent Maske und halten Abstand. Sie haben den Ernst der Lage begriffen." Leider, sagt Liebi, seien sie damit mindestens einen Monat zu spät dran.


 

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